Inhalt:

Isabella Marie Swan. Die unscheinbare Literaturstudentin lebt in Liverpool. Sie ist einsam – hat kaum Freunde und ihre Familie besteht gerade einmal aus ihren Eltern und ihr. Durch Zufall trifft sie auf den eleganten Edward Cullen. Bald muss sie feststellen, dass er ihr mehr bedeutet als erwartet. Doch was ist mit Jacob, dem kranken Jungen, der zu dieser Zeit bei Edward wohnt?

Montag, 6. Dezember 2010

2. Kapitel - Strawberry Field Forever (Teaser)

»Leah«, flüsterte er leise. »Leah! Leah!« Immer wieder entfloh der Name aus seinem Mund. Ich kannte sie nicht. Ich kannte niemanden, der diesen Namen besaß. Bisher hatte er mir auch nie von einer Person erzählt, die so hieß.
»Komm zurück! Verlass mich nicht.« Beruhigend strich ich ihm über den Kopf. Die Bewegungen schienen ihn allerdings keinesfalls zu beeinflussen. Weiterhin hatte er seine Augen geschlossen und wühlte unaufhörlich mit seinen Händen durch die Bettdecke. Sein Körper wälzte sich darin und der Schweiß tropfte förmlich von seiner Stirn.
»Leah!« Abermals dieser Name. Es machte mich verrückt nicht zu wissen, zu welcher Person er gehörte. Bisher hatte er mir nie etwas über seine Freunde oder Bekannten erzählt. Ich hatte ihn darüber auch nie ausgefragt. Ich wollte, dass er mir alles aus eigenem Willen erzählte und sich nicht dazu gezwungen fühlte.
»Geh nicht!« Seine Worte sendeten mir Schauer über den Rücken, denn er sprach sie so verzweifelt aus, dass es keinen normalen Menschen hätte kalt lassen können.
Ich konnte das Gefühl, ihn aufwecken zu müssen, nicht länger unterdrücken. Daher versuchte ich durch sanftes Rütteln seiner Schulter ihn aus den Albträumen zu reißen. Als er nach einigen Minuten noch immer keine Anstalten zu machen aus seinen Albträumen zu erwachen, griff ich zu härteren Mitteln und umfasste seinen Oberarm mit sehr viel mehr Kraft.

Samstag, 4. Dezember 2010

1. Kapitel - Blackbird

Isabella Marie Swan

Menschen lassen sich beeinflussen

Menschen sind für mich wie Fremde. Ich verstehe sie nicht. Sie mich nicht. Sie denken auf eine andere Art und Weise als ich. Manchmal fühle ich mich wie ein Außerirdischer, der ein Eindringling in ihre Welt ist. Als würde ich ihre kleine perfekte Welt zerstören und für mich erobern.
Sie haben keine Bedeutung mehr für mich. Sind nur noch eine Kulisse auf den Straßen oder in den Häusern.
Vielleicht sollte ich damit anfangen, mich der Gesellschaft anzupassen, doch das ist es genau, was ich nicht will. Ich will nicht wie jeder sein. Möchte nicht mit dem Strom schwimmen. Aber ich möchte auch nicht auffallen. Ich möchte in meiner eigenen Welt leben. Vielleicht träume ich zu viel. Vielleicht wünsche ich mir zu sehr, nicht mehr hier zu leben. Doch kann ich es nicht ändern. Dafür ist es wahrscheinlich schon zu spät.
Manchmal denke ich darüber nach eine andere Person zu sein. Stelle mir vor ein Model zu sein, dass täglich von Männern umringt ist. Oder eine Schriftstellerin, die wegen ihren begeisterten Lesern durch die ganze Welt reist. Wäre ich dann zufrieden?
Mein bester Freund ist die Einsamkeit. Ich kann damit umgehen und bin ganz auf mich gestellt. Ich muss keinem Menschen vertrauen. Es ist das Wichtigste in meinem Leben.
Allein sein.


Abermals las ich den kurzen Text durch. Meine Finger strichen über die krakelige Schrift, die das ganze Blatt erfüllte.
Ich fand meine Worte lächerlich.
Normalerweise war ich dazu imstande Sachen ausführlich und präzise zu beschreiben, doch jetzt schien es mir unmöglich. Die Worte waren mir schwerfällig von der Hand gegangen und desto öfter ich mir den Text durchlas, umso mehr wollte ich verändern. Schließlich riss ich mich zusammen und ließ alles beim Alten.
Ich legte die Seite feinsäuberlich in die rote Mappe, die ich für meine Hausarbeiten zur Seite gelegt hatte. Schnell schloss ich sie, damit ich ja nicht auf die Idee kam auch nur ein Wort zu ändern. Wahrscheinlich würde das Ganze sonst in einem noch heikleren Desaster enden, wenn ich den Text noch einmal abschreiben müsste, weil zu viele Tintenflecke und Änderungen zu sehen waren. Dann würde mein Kopf erst recht etwas korrigieren wollen.
Die Mappe landete in meiner braunen Ledertasche, die ich immer zur Uni mitnahm. Meinen Füller verstaute ich in dem Mäppchen, das schon mit lauter Farbklecksen bedeckt war. Die eigentliche Farbe – ebenfalls braun – war kaum noch erkennbar.
Ich machte die surrende Schreibtischlampe aus, um dann aufzustehen und in die kleine Küche zu gehen. Leise tapste ich mit meinen nackten Füßen über den kalten Holzfußboden. Es knarrte und erinnerte mich gleichfalls daran, dass es sich nicht um meine alte Wohnung handelte. Diese hatte keinen Holzboden besessen. Stattdessen hatte ein Teppich den Boden verziert und für weitaus mehr Wärme gesorgt. Damals hatte ich allerdings auch noch in den Vereinigten Staaten gelebt.
Ich fröstelte leicht und nahm mir beim Vorbeigehen des Kleiderständers eine blaue Strickjacke mit, die ich mir sogleich überzog.
Als ich die kleine Küche betrat, betätigte ich den Lichtschalter. Das spärliche Licht sorgte wenigstens für etwas Sichtbarkeit in der sonst so dunklen Wohnung. Im Moment schien mir sowieso so vieles grau und farblos. Es regnete immerwährend und die dichten Wolken wollten nicht schwinden. Schon nach einigen Tagen hatte ich es verflucht hierher gezogen zu sein. Vorerst musste ich mich allerdings mit diesen Bedürfnissen zufrieden geben, schließlich hatte das erste Semester gerade erst begonnen.
Nachdem ich mir einen schwarzen Tee mit Milch – wie ihn Engländer nun einmal tranken – zubereitet hatte, stahl ich mich ins Wohnzimmer. Vorerst holte ich mir allerdings eine wärmende Wolldecke aus dem Schlafzimmer, ehe ich mich auf dem ledernden Sofa niederließ.
Es war entspannend endlich alle Arbeiten vollständig abgeschlossen zu haben. In den letzten Tagen war es selten vorgekommen, dass ich meine Freizeit genießen konnte. Entweder hatte ich meine Hausarbeiten erledigt oder hatte mich für einen Job für mich erkundigt. Liverpool selber kannte ich zu meinem Leidwesen kaum. Seit fast zwei Wochen war ich nun hier und hatte noch keine Zeit gehabt meinen derzeitigen Wohnort zu erforschen. Zwar war bereits an dem Fluss Mersey, dessen Ursprung sich hier befand, gewesen, allerdings war das auch schon alles. Morgen wollte ich endlich raus aus meiner kleinen Wohnung und etwas mein Neues zu Hause genießen, auch wenn das Wetter nicht ganz mitspielen wollte.
Ich trank einen Schluck aus der heißen Teetasse, um sogleich vor der brühenden Hitze zurückzuschrecken. Meine Zunge fing an zu prickeln und ich verfluchte mich selber für meine Unachtsamkeit und die Neigung dazu unüberlegt zu handeln, sobald ich tief in Gedanken versunken war. Ich hustete einige Male. Dabei sprang ich auf und rannte schnellstmöglich in die Küche. Dort griff ich nach dem erstbesten Wasserglas und schüttete mir das Getränk den Hals runter. Die Kühle war zwar erleichternd, allerdings bestand das unschöne Prickeln auf der Zunge weiterhin.
Leicht murrend nahm ich wieder meinen Platz auf dem Sofa ein. Ich machte es mir bequem und starrte in die dunkle Nacht, die man durch das Fenster erkennen konnte. Die Wolldecke sorgte für eine behagliche Wärme, sodass mich bald die Müdigkeit überfiel und langsam in einen angenehmen Schlaf abdriftete.
***
»Verflucht. Wieso muss das immer mir passieren?«, murmelte ich und hob die Stadtkarte auf, die soeben zu Boden geglitten war. Zu meinem Unglück hatte es gerade noch geregnet, weshalb sie jetzt leicht durchnässt war. Gott sei Dank konnte man noch das Wesentliche erkennen.
»Kann ich Ihnen helfen?«, hörte ich eine Stimme unweit von mir fragen. Ich blickte von dem verwirrenden Stadtplan auf, den ich trotz der Nässe versucht hatte zu entziffern. Vor mir stand ein hagerer Mann mit einem kahlen Kopf. Ein freundliches Lächeln zierte sein fragendes Gesicht.
»Ich…«, fing ich verdattert an. Normalerweise war ich es nicht gewohnt einfach auf offener Straße gefragt zu werden, schließlich war ich nie alleine irgendwo gewesen. Die einzigen Städte, die mir persönlich bekannt waren, waren Phönix, Seattle und Forks. In Phönix wurde ich geboren und bis zu meinem 14. Lebensjahr aufgewachsen. Später zogen wir nach Forks, was in der Nähe von Seattle liegt. Viel mehr hatte ich nicht von dieser Welt gesehen. Da ich teils noch immer in Gedanken über meine Ungeschicklichkeit vertieft war, fiel es mir recht schwer klar denken zu können.
Nach der ersten Schreckenssekunde (und dem Aussortieren mancher Gedanken) fügte ich unsicher hinzu: »Ja… Es wäre schön, wenn Sie mir sagen könnten, wo sich die Liverpool Cathedral befindet! « Er lachte leicht. Allerdings nicht über meine leichte Unsicherheit.
»Die Kathedrale befindet sich gleich die Straße runter.« Er deutete erst mit der Hand in die entsprechende Richtung, ehe er mir den Standpunkt des Gebäudes auf dem Stadtplan zeigte. Überrascht und peinlich berührt darüber, dass ich sie übersehen hatte, kicherte ich leise, was mein Auftreten wahrscheinlich nicht besonders angemessener machte.
»Vielen Dank, dass Sie mir geholfen haben«, fügte ich nach einem Moment hinzu. Nickend verabschiedete er sich, konnte es sich allerdings scheinbar nicht nehmen lassen mir eine Frage zu stellen.
»Soll ich Ihnen die Stadt etwas zeigen? Es scheint mir, dass Sie sich noch nicht lange hier aufhalten.« Verblüfft starrte ich ihn an, was ihn abermals leicht lachen ließ.
»Vielen Dank, aber ich denke, dass ich meinen derzeitigen Wohnort lieber allein erkunden möchte«, antwortete ich freundlich lächelnd, nachdem ich mich wieder gefasst hatte.
»Das ist okay. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Willkommen in Liverpool!«, sagte er fast schon feierlich, was mich ein weiteres Mal auflachen ließ.
»Auf Widersehen«, sagte ich anschließend und wandte mich dem Gehen zu. Er verabschiedete sich ebenfalls, ehe er hinter der nächsten Häuserecke verschwand und wahrscheinlich für immer aus meinem Leben trat. Mir wurde bewusst, dass er ungemein freundlich zu mir war, was ich auf der einen Seite unglaublich erschreckend fand, doch auf der anderen Seite war es auf eine bestimmte Art und Weise vertrauenserweckend. Ich hatte das Gefühl hier nicht fremd zu sein. Als würde ich hierher gehören und hätte hier schon immer gelebt.
Die Kathedrale thronte auf einem kleinen Hügel, der ansonsten von Sträuchern und Bäumen in Anspruch genommen wurde. Das Gebäude war aus rötlichen, großen Steinen gebaut, was aus einem unbestimmten Grund zur gesamten Stadt passte. Der Turm, der ungefähr aus der Mitte herausschoss, gab dem Ganzen etwas Mächtiges.
Bevor ich das Bauwerk von innen in Betracht nehmen konnte, musste ich es einmal umrunden. Als ich endlich vor dem unermesslichen Eingangstor stand, war ich davon mehr als beeindruckt. Fast schon ehrfürchtig betrachtete ich anschließend auch das Innere.
Obwohl die steinernen Wände sich kalt und rau anfühlten, als ich sie berührte, hatte das Gebäude doch etwas Warmes. Viele Kerzen erhellten jede noch so kleine Nische und die großen, bunten Fenster sorgten für ein schönes Bild. Gerade in dem Moment brach ein Sonnenstrahl durch das Glas und fiel vor mir auf den Boden. Ich lächelte leicht über das Lichtspiel, das sich mir nun bot.
Die tanzenden Figuren auf dem Boden der Kathedrale wurden durch ein Orgelspiel, das nun anklang, unterzeichnet. Die Töne hallten leicht wieder, was ihnen mehr Fülle gab. Ich mochte es. Es passte alles so schön zusammen. Als wäre es nur ein wahnsinniger Traum.
Eigentlich war ich kein Typ, der Kirchen mochte und eigentlich war ich auch überhaupt nicht religiös, doch dieses Monstrum von Gebäude war für mich auf eine besonderer Art und Weise faszinierend. Die Bilder an den Wänden fand ich hingegen nicht besonders spannend. Ich fand sie teilweise schön, doch sie interessierten mich nicht weiter. Zu Kunst hatte ich sowieso nie einen besonderen Draht gehabt. Die Sprache hingegen lag mir fiel mehr. Ich mochte es, wie Autoren mit Worten spielen konnten und daraus bezaubernde Bilder für die Leser erstellen konnten. In der Kunst hingegen waren diese Bilder in den meisten Fällen schon vorhanden.
Vielleicht war auch das der Grund, weshalb ich die Musik liebte. Vorstellung. Musik brachte mich dazu in eine ganz andere Welt zu tauchen und alles um mich herum zu vergessen. Genauso war es, wenn ich Bücher las. Wenn ich mir allerdings Kunst anschaute, blieb der Effekt aus.
Auch wenn die Kathedrale noch so ein starkes Gefühl in mir auslöste, musste ich mich auf den Weg machen. Es war nicht so, dass ich nicht noch länger dort bleiben wollte, doch hatte ich bisher wirklich wenig von der restlichen Stadt gesehen. Ich hoffte innerlich, dass ich nach diesem überraschenden Ereignis nicht enttäuscht sein würde. Allerdings redete ich mir ein, dass es auf keinen Fall schlimmer als Forks sein konnte, schließlich passierte dort so gut wie nie etwas und ansonsten war das Wetter wahrscheinlich überall besser, als in dem kleinen Kaff. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es voraussichtlich die beste Idee meines Lebens war, von dort wegzuziehen.
Chinatown lag unweit von der Kathedrale entfernt. Kaum ein Mensch war zu sehen, als ich die Nelson Street entlang ging. Zuvor hatte ich noch das große chinesische Tor, welches aus rotem und grünem Holz bestand und mit goldenen Zügen verziert war, in Betracht gezogen. Die gesamte Nelson Street war dann in diesen Farben dargestellt. Mir gefiel es, auch wenn alles etwas verlassen wirkte.
Später befand ich mich Hafen. Am Albert Dock vielmehr. Eigentlich waren die großen steinernen Häuser, die um das Wasser herum lagen, Lagerhallen, allerdings befanden sich darin nun Geschäfte, sodass eine kleine Einkaufsstraße entstand. Ich saß in einem kleinen Café mit Blick auf die Schiffe.
»Was kann ich Ihnen bringen?«, fragte mich die blonde Bedienung freundlich und holte mit einer flüssigen Handbewegung Stift und Schreibblock zum Vorschein.
»Ich hätte gerne einen schwarzen Tee und ein Sandwich mit Käse und Ei.« Außer mir waren in dem Café nur wenige Leute: Ein etwas älteres Ehepaar saß an dem Tisch neben mir, ein Mann hatte soeben Platz genommen und zwei Schülerinnen standen gerade auf, um das Café zu verlassen.
Es dauerte nicht lange, ehe meine Bestellung fertig war und vor mir auf dem Tisch stand. Ich nahm die Milchkanne zur Hand und schüttete etwas davon in den heißen Tee. Der zuvor klare Tee nahm nun eine milchbraune Farbe an. Das Brot des Sandwiches war – wie zu erwarten – Weißbrot und man könnte es so platt drücken, dass es wie eine Flunder aussähe. Dies tat ich natürlich nicht, sondern aß es genüsslich und nahm mir innerlich schon einmal vor Rezepte für Brotteig aus dem Internet zu suchen, damit ich mich nicht durchgehend von Sandwiches ernähren musste.
Ich wusste noch nicht genau, was ich als nächstes machen sollte, weshalb ich den Stadtplan aus der ledernen Tasche, die ich bei mir trug, herausholte. Sogleich fand ich meinen derzeitigen Standpunkt und stellte fest, dass das Beatles-Museum nicht weit von hier lag. Ich hatte mir vorgenommen dort reinzugehen, allerdings würde ich es an diesem Tag zeitlich nicht mehr schaffen. Wenn ich in ein Museum ging, wollte ich mir dafür Zeit nehmen und nicht wie verrückt hindurch hetzen. Zumal die Beatles meine absoluten Lieblingsband waren und ich somit alles noch viel interessierter anschauen würde.
Trotzdem machte ich mich danach auf den Weg zu dem Museum, um es wenigstens einmal in Betracht gezogen zu haben. Ich ging in den kleinen Laden, der gleich danebenlag und nahm mir vor eines der vorhandenen T-Shirts, die einen Beatles-Aufdruck hatte, zu kaufen. Eigentlich trug ich ansonsten eher Kleidung, die einfarbig war und höchstens Muster aufwies, aber nie Aufschriften hatte. Doch fand ich, dass ich solch ein T-Shirt unbedingt haben musste, schließlich hörte ich dauernd ihre Musik.
Ich fotografierte das Schild über dem Eingang, worauf »The Beatles Story – Liverpool« stand und machte mich anschließend auf den Weg, um Liverpool weiter zu erkunden.
Ich ging ein Stück am Hafen entlang, doch wurde es mir dort schon nach kurzer Zeit zu kalt, sodass ich mehr in die Stadtmitte steuerte. Der Rest des Tages verlief nicht weiter spannend. Zwar lernte ich vieles Neues kennen, doch war nichts weiter von Belang.
Am Abend saß ich wieder allein in meiner Wohnung. Doch diesmal fühlte es sich vertrauter an. Ich war nicht mehr der Meinung, dass ich allein in dieser Stadt war. Ich hatte kurzfristige Bekanntschaften gemacht und auch wenn ich diese Menschen wahrscheinlich nicht wieder sehen werde, fühlte es sich so an, als wären sie Teil meines neuen Lebens. Ich musste an die Frau denken, die mich mehr oder weniger gerettet hatte.
Ich hatte mich vom Hafen entfernt und musste dafür eine breite Straße überqueren. In dem Moment vergaß ich, dass ich mich in England befand und dass Autos hier auf der linken Straßenseite fuhren. Daher schaute ich erst nach links, wobei ein Auto von der rechten Seite genau auf mich zukam.
Im schlimmsten Fall wäre ich angefahren worden, hätte mich eine kräftig gebaute Frau nicht noch plötzlich aufgehalten.
»He! Passen Sie auf!«, hatte sie gerufen, ehe sie mich am Arm packend auf den Bürgersteig gezogen hatte.
»Alles okay bei Ihnen?« Ich hatte nur nicken können. Mein Körper war wie zu Salzsäure erstarrt gewesen.
Jetzt konnte ich über die Situation nur noch lachen. Wahrscheinlich würde es auch noch ein paar Wochen dauern, ehe ich mich richtig an den Linksverkehr gewöhnt hatte.
Lange saß ich auf der Couch und dachte einfach nur nach. Es gab für einen Moment nicht mehr die Hektik, die das Studium und der Umzug ansonsten mit sich brachten. Es war erleichternd einfach nur seine Ruhe zu haben und über die Vergangenheit und die Zukunft nachzudenken.
Erst spät in der Nacht kuschelte ich mich umgezogen in die weiche Decke meines Bettes. Ich konnte zwar nicht einschlafen – dafür war der Tag einfach zu aufregend gewesen – doch die Ruhe ließ mich weitgehend entspannen.

Samstag, 13. November 2010

Prolog

The Beatles - Eleanor Rigby

Ah, look at all the lonely people
Ah, look at all the lonely people

Eleanor Rigby picks up the rice in the church where a wedding has been
Lives in a dream
Waits at the window, wearing the face that she keeps in a jar by the door
Who is it for?

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?

Father McKenzie writing the words of a sermon that no one will hear
No one comes near.
Look at him working, darning his socks in the night when there's nobody there
What does he care?

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?

Ah, look at all the lonely people
Ah, look at all the lonely people

Eleanor Rigby died in the church and was buried along with her name
Nobody came
Father McKenzie wiping the dirt from his hands as he walks from the grave
No one was saved

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?


Still saß ich da. Starrte auf das Blatt Papier. Wusste nicht, was ich schreiben sollte. Der Stift befand sich seit guten fünf Minuten in meiner Hand, doch rührte ich ihn nicht. Ich hatte noch keinen Klecks Tinte auf das saubere Blatt geschrieben.
Wie sollte das enden?
Ich sollte schreiben, was mir am wichtigsten am Leben war. Was für Erfahrungen ich mit anderen Menschen gemacht hatte. Wie ich an Freunde gelangte und was ich an ihnen schätzte.
Ich wusste es nicht.
Das wichtigste in meinem Leben waren Bücher. Ich konnte mich darin verstecken, ohne weiter aufzufallen. Ich konnte alles vergessen, wenn ich mich in die Handlung vertiefte.
Andere Menschen waren für mich wenig von Bedeutung. Ich hatte keine Freunde. Meine Familie bestand lediglich aus meinen Eltern und mir, weshalb meine Freizeit immer allein verbrachte.
Ich kam damit zurecht. Ich musste damit zurechtkommen. Was hätte ich auch sonst tun sollen?
Das Blatt war noch immer leer. Wieso musste man solche Fragen beantworten, wenn man sich am Anfang eines Literaturstudiums befand? Wollten sie nur etwas über unser Privatleben erfahren?
Menschen lassen sich beeinflussen, schrieb ich. Dann strich ich es wieder durch. Es hatte nichts mit dem Thema gemein.
Menschen sind für mich wie Fremde. Ich verstehe sie nicht. Sie mich nicht. Sie denken auf eine andere Art und Weiße als ich. Ich ließ die Sätze stehen. Strich sie nicht durch.
Und plötzlich schrieb meine Hand wie von alleine. Ich musste nicht viel nachdenken. Schrieb einfach alles auf, was mir einfiel. Ob es jetzt groß passte oder nicht, war mir mehr oder weniger egal.